Saunadrops: Der Saunaaufguss zum Einwerfen

Illustration des vegetativen Nervensystems mit Sympathikus und Parasympathikus – die beiden Gegenspieler, die durch Sauna trainiert werden

Sauna und Nervensystem: Wie Hitze deinen Körper beruhigt

Christian Reindl
Kurzantwort:

Sauna trainiert dein vegetatives Nervensystem durch einen zweiphasigen Mechanismus: In der Hitze fährt dein Sympathikus hoch (Stressmodus). In der Abkühlphase übernimmt der Parasympathikus – deine Herzfrequenz sinkt unter den Ausgangswert, tiefe Entspannung setzt ein. Dieser Wechsel macht dich langfristig stressresistenter. Finnische Studien zeigen: Bei regelmäßigem Saunieren sinkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu 63%.

Aus über 10 Jahren Saunaerfahrung im Bayerischen Wald – wo wir den Wechsel von Hitze und Kälte noch richtig leben.

→ Mehr zum Thema innere Balance: Sauna & innere Balance – Übersicht

Hinweis: Bei Vorerkrankungen (Herz-Kreislauf, Blutdruck, Dysautonomie) vor dem Saunieren ärztlich abklären.

Inhalt:

Was passiert mit deinem Nervensystem in der Sauna?

Dein vegetatives Nervensystem steuert alles, was du nicht bewusst kontrollierst: Herzschlag, Blutdruck, Verdauung, Körpertemperatur. Es besteht aus zwei Gegenspielern: dem Sympathikus (dein Leistungsnerv, zuständig für „Kampf oder Flucht") und dem Parasympathikus (dein Ruhenerv, zuständig für „Verdauen und Entspannen").

Der deutsche Saunaforscher Prof. Victor Ott nannte die Saunawirkung einen „Stoß ins Vegetativum" – einen gezielten Reiz, der dein gesamtes autonomes Nervensystem durcharbeitet.

❓ Warum entspannt Hitze, obwohl sie eigentlich Stress ist?

Der Trick liegt im Rebound-Effekt: Während du in der Sauna sitzt, dominiert dein Sympathikus. Herzfrequenz rauf, Blutdruck rauf, Adrenalin im System. Dein Körper denkt: „Okay, hier passiert was." Aber sobald du rausgehst – und vor allem, wenn du dich abkühlst und ruhst – passiert das Gegenteil.

Eine finnische Studie (Laukkanen et al. 2019) mit 93 Teilnehmern zeigte das genau: Während der Sauna sank die parasympathische Aktivität. Aber in der Abkühlphase stieg sie signifikant über den Ausgangswert. Die Ruheherzfrequenz fiel von 77 auf 68 Schläge pro Minute – also rund 12% unter den Wert vor der Sauna.

Der Sympathikus-Peak in der Hitze ist kein Problem – er ist der Hebel. Ohne ihn kein Rebound. Ohne Rebound keine tiefe Entspannung.

Das erklärt auch, warum die Ruhephase nach der Sauna so wichtig ist. Wer direkt nach dem letzten Gang duscht und geht, verpasst den eigentlichen Benefit.


Der Vagusnerv: Warum das Tauchbecken so wichtig ist

Der Vagusnerv ist der längste Hirnnerv deines Körpers. Er verbindet dein Gehirn mit Herz, Lunge und Magen-Darm-Trakt und macht etwa 75% deines parasympathischen Nervensystems aus. Wenn Biohacker von „Vagotonus" oder „Vagusnerv-Stimulation" sprechen, meinen sie: Wie gut kann dein Körper in den Entspannungsmodus schalten?

Die Aktivität des Vagusnervs misst man über die Herzratenvariabilität (HRV) – also wie stark dein Herzschlag von Schlag zu Schlag variiert. Höhere HRV = höherer Vagotonus = bessere Stressresilienz.

Der Tauchreflex: Dein eingebauter Vagusnerv-Aktivator

Hier wird's spannend: Während der Saunahitze wird dein Vagusnerv vorübergehend gedämpft. Der eigentliche Boost passiert beim Abkühlen – und zwar durch einen evolutionär uralten Mechanismus: den mammalischen Tauchreflex.

Wenn kaltes Wasser dein Gesicht und deinen Hals berührt, aktivieren sensorische Fasern des Trigeminusnervs deinen Hirnstamm. Der sendet über den Vagusnerv ein Signal: Herzfrequenz runter. Sofort. Um 10–30%, bei Trainierten bis zu 50%.

Der Reflex setzt innerhalb von etwa 5,6 Sekunden ein und erreicht sein Maximum nach circa 35 Sekunden. Aber Achtung: Wasser unter 21°C ist nötig, um den Reflex zuverlässig auszulösen. Bei 10°C ist die Wirkung am stärksten.

Das erklärt, warum das Tauchbecken oder die kalte Dusche nach der Sauna mehr ist als nur „erfrischend". Es ist ein direkter Hebel für deinen Vagusnerv.

❓ Reicht eine kalte Dusche oder muss es ein Eisbad sein?

Eine kalte Dusche (12–15°C) funktioniert, besonders wenn das Wasser auch über Gesicht und Hals läuft. Ein Tauchbecken ist effektiver, weil der Körper vollständig umschlossen wird. Eisbaden (4–10°C) maximiert den Effekt, ist aber für Anfänger nicht nötig.


HRV, Cortisol, Noradrenalin: Was die Studien zeigen

Die Forschungslage ist überraschend solide. Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

Herzratenvariabilität (HRV)

Akut: Während der Sauna sinkt die HRV – dein Sympathikus dominiert. In der Abkühlphase steigt sie signifikant über den Ausgangswert.

Langfristig: Die stärkste Evidenz liefert eine japanische Studie mit Herzinsuffizienz-Patienten: Nach 4 Wochen täglicher Infrarot-Sauna (60°C, 15 Min. + 30 Min. Ruhe) sank das Verhältnis von sympathischer zu parasympathischer Aktivität von 2,31 auf 1,20 – eine massive Verschiebung Richtung Entspannung.

Cortisol: Das Stresshormon

Bei Sauna-Neulingen steigt Cortisol zunächst als Stressantwort. Bei habituierten finnischen Saunagängern wird Cortisol typischerweise nicht mehr erhöht – der Körper hat gelernt, dass die Hitze keine Bedrohung ist.

Eine Studie aus Polen (Podstawski et al. 2021) maß bei 30 jungen Männern eine 29%ige Cortisol-Reduktion während vier Saunagängen mit Kaltwasserabkühlung. Der Körper lernt, Stress besser zu regulieren.

Noradrenalin: Der einzige Katecholamin-Anstieg bei Erfahrenen

Interessant: Bei erfahrenen Saunagängern ist Noradrenalin das einzige Stresshormon, das während der Sauna noch ansteigt (+100% bei 80°C trocken, +160% bei 100°C). Adrenalin bleibt dagegen konstant.

Das zeigt eine differenzierte sympathische Aktivierung – dein Nervensystem reagiert gezielt statt panisch.

Parameter Während Sauna Nach Sauna (Ruhephase)
Herzfrequenz ↑ steigt (bis 150 bpm) ↓ sinkt unter Ausgangswert
HRV (parasympathisch) ↓ sinkt temporär ↑ steigt signifikant
Cortisol ↔ konstant (bei Erfahrenen) ↓ sinkt um bis zu 29%
Noradrenalin ↑ steigt (dosisabhängig) ↓ normalisiert sich
Dominantes System Sympathikus Parasympathikus

Besserer Schlaf, weniger Stress – so funktioniert's

Schlaf: 70% mehr Tiefschlaf nach der Sauna

Der Mechanismus ist thermoregulatorisch: Sauna hebt deine Kerntemperatur um circa 0,9–1,2°C an. Nach dem Saunagang aktiviert dein Körper Kühlmechanismen – Blut strömt in die Extremitäten, die Kerntemperatur fällt. Dieser Abfall imitiert den natürlichen zirkadianen Temperaturabfall vor dem Einschlafen.

Ältere Studien dokumentierten einen Anstieg des Tiefschlafs um rund 70% in den ersten zwei Stunden nach der Sauna. Die Global Sauna Survey (2019, 482 Teilnehmer) bestätigte: 83,5% der Befragten berichten von besserem Schlaf nach dem Saunieren.

Optimales Timing: 2–3 Stunden vor dem Schlafengehen saunieren. So hat dein Körper Zeit, die Abkühlphase für das Einschlafsignal zu nutzen. Mehr dazu: Sauna vor dem Schlafen.

Stress und Angst: Das Nervensystem lernt Resilienz

Regelmäßiges Saunieren ist im Grunde ein Training für dein Nervensystem. Du setzt dich bewusst einem Stressor aus (Hitze), erlebst die Aktivierung – und dann die sichere Rückkehr in die Entspannung.

Mit jeder Wiederholung lernt dein System: „Ich kann Stress durchleben und komme wieder runter." Das erweitert dein Toleranzfenster für Stress jeder Art.

Die finnische KIHD-Studie (n=2.315, 20+ Jahre Follow-up) zeigte: Bei 4–7 Saunagängen pro Woche sank das Risiko für plötzlichen Herztod um 63%, für Demenz um 65–66%.

Quelle: Laukkanen et al. 2015, JAMA Internal Medicine


Hitze-Kälte-Protokoll: Dein Nervensystem-Training

Der Wechsel von Hitze und Kälte – ob finnisches Eisschwimmen (Avantouinti) oder deutsches Tauchbecken – ist das eigentliche Nervensystem-Training. So baust du dein Protokoll auf:

Level Sauna Kälte Zyklen
Einsteiger 10–15 Min. bei 70–80°C 60 Sek. kalte Dusche (12–15°C) 2–3
Standard 15 Min. bei 80–90°C 1–2 Min. Tauchbecken (8–12°C) 3
Fortgeschritten 15–20 Min. bei 80–100°C 2–3 Min. Eisbad (4–10°C) 3–4

Wichtig: Zwischen jedem Durchgang 10–20 Minuten Ruhephase. Lieg oder sitz entspannt, trink Wasser. Hier passiert der eigentliche Nervensystem-Shift.

Tageszeit-Regel: Morgens den letzten Durchgang mit Kälte beenden (maximaler Wachheits-Boost). Abends mit Wärme beenden (Schlafvorbereitung).

Dein nächster Aufguss – mit dem richtigen Duft für dein Nervensystem:

Lavendel für Entspannung am Abend. Zirbe für tiefe Ruhe. Rosmarin für Fokus am Morgen.

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Atemtechniken in der Sauna

Die richtige Atmung verstärkt die Nervensystem-Wirkung der Sauna. Drei Techniken funktionieren besonders gut:

1. Box Breathing (4-4-4-4)

Einatmen (4 Sek.) → Halten (4 Sek.) → Ausatmen (4 Sek.) → Halten (4 Sek.). Die Technik stammt von Navy SEALs und erzeugt einen balancierten Zustand – ruhig, aber wach. Bei steigender Hitze kannst du auf 6-6-6-6 oder 8-8-8-8 verlangsamen.

2. Physiologischer Seufzer (Huberman-Technik)

Doppelte Einatmung durch die Nase (tief + kurzer Nachzug) → lange Ausatmung durch den Mund. Eine Stanford-Studie zeigte: Diese Technik ist die effektivste Methode zur akuten Stimmungsverbesserung – wirksamer als Box Breathing oder Meditation. Ideal bei ansteigender Hitze, wenn du dich anspannst.

3. Wim Hof Atmung – aber Vorsicht!

Die Wim Hof Technik (30–40 tiefe Atemzüge + Atemanhalten) aktiviert primär den Sympathikus. Sie eignet sich als Vorbereitung VOR dem Kältebad – nicht während der Saunahitze. Die Kombination von Hyperventilation und hoher Temperatur erhöht das Ohnmachtsrisiko erheblich.

Bewusste Atmung in der Sauna – Atemtechniken verstärken die Entspannungswirkung

 


Warnzeichen: Wann du aufhören solltest

Sauna kann das Nervensystem auch überlasten – besonders bei Übertreibung oder Vorerkrankungen. Die größte akute Gefahr ist die vasovagale Synkope (Ohnmacht).

Der Mechanismus: Hitze verursacht Gefäßerweiterung → Blut versackt in den Beinen → weniger Blut zum Herzen → der Vagusnerv überkompensiert → Herzfrequenz und Blutdruck fallen abrupt → Ohnmacht. Der gefährlichste Moment ist das Aufstehen nach dem Liegen in der Sauna.

Sofort rausgehen bei diesen Symptomen:

  • Schwindel, Benommenheit
  • Übelkeit
  • Tunnelblick, verschwommenes Sehen
  • Verwirrtheit
  • Plötzlich aussetzende Schweißproduktion (dein Körper gibt auf)
  • Herzrasen über das erwartete Maß hinaus
  • Schwächegefühl in den Beinen

Aufsteh-Regel: Vor dem Verlassen der Sauna erst 1–2 Minuten aufrecht sitzen. Dann langsam aufstehen. Nie abrupt aus dem Liegen hochspringen.

Bei diesen Vorerkrankungen vorher ärztlich abklären:

  • Unkontrollierter Bluthochdruck
  • Herzrhythmusstörungen
  • Herzinsuffizienz (stabil meist okay, aber abklären)
  • Epilepsie (Hitze kann Krampfschwelle senken)
  • POTS/Dysautonomie
  • Schwangerschaft (besonders 1. Trimester)

Mehr zu Risiken und Kontraindikationen: Zu viel Sauna – Symptome erkennen.


Häufige Fragen zu Sauna und Nervensystem

Wie wirkt Sauna auf das Nervensystem?

Sauna aktiviert zunächst den Sympathikus (Stressmodus). In der Abkühlphase übernimmt der Parasympathikus – die Herzfrequenz sinkt, die Entspannung setzt ein. Dieser Wechsel trainiert das vegetative Nervensystem langfristig.

Was ist der Vagusnerv und wie aktiviert Sauna ihn?

Der Vagusnerv ist der längste Hirnnerv und steuert die Entspannungsreaktion. Kaltes Wasser auf Gesicht und Hals nach der Sauna löst den Tauchreflex aus – das aktiviert den Vagusnerv direkt und senkt die Herzfrequenz um 10–30%.

Wie oft sollte ich saunieren für die beste Nervensystem-Wirkung?

Finnische Studien zeigen: 4–7 Saunagänge pro Woche bringen die größten Vorteile. Aber auch 2–3 Mal pro Woche trainiert das vegetative Nervensystem messbar. Wichtig: Die Ruhephasen ernst nehmen.

Hilft Sauna bei Stress und Angst?

Ja. Studien zeigen eine Cortisol-Senkung von bis zu 29% während mehrerer Saunagänge. Der parasympathische Rebound in der Ruhephase aktiviert den Entspannungsmodus – regelmäßiges Saunieren macht stressresistenter.

Kann Sauna auch das Nervensystem überlasten?

Ja, bei Übertreibung. Warnzeichen: Schwindel, Übelkeit, Tunnelblick, plötzlich aussetzende Schweißproduktion. Dann sofort raus und langsam aufstehen. Bei Vorerkrankungen vorher ärztlich abklären.

Welche Atemtechnik eignet sich in der Sauna?

Box Breathing (4-4-4-4) oder der physiologische Seufzer (2× einatmen, lang ausatmen) funktionieren gut. Wim Hof Atmung besser VOR dem Kältebad nutzen, nicht während der Hitze – Ohnmachtgefahr.

Ruhephase nach der Sauna – hier schaltet das Nervensystem in den Entspannungsmodus

 

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden, Vorerkrankungen oder wenn du dir unsicher bist, wende dich bitte an einen Arzt. Die hier beschriebenen Zusammenhänge beruhen auf wissenschaftlichen Studien und persönlichen Erfahrungen – sie stellen keine Diagnose oder Therapieempfehlung dar.
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