Eine traditionelle holzbeheizte Blockhaus-Sauna an einem finnischen See in der Dämmerung.

Finnischer Aufguss im Original: Was wir Deutschen von den Erfindern lernen können

Christian Reindl

Bloß nicht "Pscht!" sagen: Warum die finnische Sauna so laut und gesellig ist

Ich bin Christian von Sencify, und ich muss dir was gestehen: Bis zu meiner ersten Reise nach Finnland dachte ich, ich wüsste, wie Sauna funktioniert. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, wo Sauna eine ernste Angelegenheit ist. Sanduhr läuft, Handtuch unter die Füße, absolute Stille. Wer redet, kriegt böse Blicke. Wer zu laut atmet, wird gemustert wie ein Störenfried im Gottesdienst.

Und dann kam Finnland. Und alles war anders.

Ich saß in einer traditionellen Rauchsauna ("Savusauna") am Ufer eines Sees in Mittelfinnland. Neben mir: Eine finnische Familie – Großvater, Vater, zwei Söhne. Und die haben... geredet. Einfach so. Nicht geflüstert. Nicht schuldbewusst. Sie haben normal gesprochen, gelacht, Witze gemacht.

Mein erster Gedanke? "Das ist doch unhöflich!" Mein deutscher Sauna-Knigge-Alarm ging auf Rot. Aber niemand störte sich daran. Im Gegenteil – es war komplett normal.

🇫🇮 Wusstest du schon?

In Finnland werden mehr Geschäfte in der Sauna abgeschlossen als in Konferenzräumen. Die Sauna ist ein hierarchiefreier Raum – hier sind Chef und Angestellter gleich. Kein Anzug, keine Krawatte, keine Macht-Spielchen. Nur Menschen. Deshalb ist die finnische Sauna der soziale Klebstoff der Gesellschaft.

Der Kulturschock: Sauna ist nicht "stiller Rückzug", sondern "Socializing"

Für uns Deutsche ist die Sauna oft ein Ort der Stille. Ein Rückzug. Eine Pause vom lauten Alltag. Wir saunieren nach Zeitplan: "Ich habe drei Durchgänge, jeweils 12 Minuten, dann Abkühlung, dann fertig." Es ist fast schon... effizient. Typisch deutsch eben.

In Finnland? Sauna ist Quality Time. Man trifft sich mit Freunden. Man sitzt mit der Familie zusammen. Man redet über Gott und die Welt, über Probleme, über Pläne. Manche Finnen verbringen Stunden in der Sauna – nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen.

Gesellige Runde in einer finnischen Sauna mit Birkenzweigen und lachenden Menschen.

Mein Aha-Moment am See:

Der Großvater neben mir erzählte seinem Enkel Geschichten aus seiner Kindheit. Der Vater und sein Sohn diskutierten über Eishockey. Zwischendurch wurde Wasser auf die Steine gegossen, und alle atmeten tief ein. Dann ging's weiter mit den Geschichten.

Ich saß da, schweigend (weil ich dachte, das gehört sich so), und fühlte mich plötzlich... falsch. Nicht weil die Finnen mich komisch anschauten – sondern weil ich merkte: Ich hatte die ganze Zeit Sauna "falsch" verstanden.

„Sauna ist kein Schweige-Retreat. Sauna ist der Ort, wo das Leben passiert."

Warum Finnen in der Sauna so entspannt sind:

  • Kein Zeitdruck: Es gibt keine Sanduhr. Du gehst raus, wenn du rausgehen willst. Nicht wenn die Zeit abgelaufen ist.
  • Kein Handtuch-Stress: Ja, in öffentlichen Saunen sitzt man auf einem Handtuch. Aber niemand kontrolliert, ob es überall perfekt liegt. Es ist entspannt.
  • Keine starren Regeln: Reden? Okay. Schweigen? Auch okay. Bier trinken? In manchen privaten Saunas durchaus üblich (ja, wirklich!).
  • Familie inklusive: Kinder sind oft dabei. Es ist kein "Erwachsenen-Ritual", sondern ein Familienerlebnis. Generationen sitzen zusammen.

Der finnische Mindset: Sauna ist nicht "to-do", sondern "being". Es geht nicht darum, drei Durchgänge abzuhaken. Es geht darum, da zu sein. Mit den Menschen, die dir wichtig sind. Oder mit dir selbst.

Das hat mich nachdenklich gemacht. Wie oft saß ich in Deutschland gestresst in der Sauna, weil ich "danach noch was vorhatte"? Wie oft habe ich auf die Uhr geschaut? Die Finnen haben mir gezeigt: Sauna ist keine Pflichtübung. Sauna ist ein Geschenk.

Holzofen statt Steckdose: Das Geheimnis des echten "Löyly"

Das zweite große Learning in Finnland war die Hitze. Genauer gesagt: der "Löyly" (sprich: Löü-lü). Das finnische Wort für den Dampf, der entsteht, wenn Wasser auf die heißen Steine gegossen wird.

Aber es ist mehr als nur Dampf. Löyly bedeutet wörtlich übersetzt "Geist" oder "Seele". Für Finnen ist der Dampf nicht einfach nur Wasserdampf – es ist die Essenz der Sauna. Das, was die Sauna lebendig macht.

Und dieser Löyly ist in Finnland anders.

Der Unterschied: Holzofen vs. Elektroofen

In Deutschland haben die meisten Saunas Elektroöfen. Praktisch, sauber, gleichmäßig. Du drehst den Schalter, wartest 45 Minuten, fertig. Kein Aufwand.

In Finnland – besonders in den traditionellen Ferienhäusern ("Mökki") am See – sind fast alle Öfen holzbeheizt ("Puukiuas"). Du machst ein Feuer an, wartest 2-3 Stunden, bis die Steine richtig heiß sind. Es riecht nach Holzrauch. Es knistert. Es ist... ein Erlebnis.

🇫🇮 Die finnische Sauna-Landschaft:
  • 5,5 Millionen Einwohner – etwa 3 Millionen Saunas
  • Fast jedes Ferienhaus ("Mökki") hat eine eigene Sauna am See
  • In Helsinki gibt es öffentliche Saunas für 10-15€ Eintritt
  • Ein Mökki mit Sauna kostet 80-150€ pro Nacht – kein Luxus, sondern Alltag
  • Holzbeheizte Öfen am See sind Standard, in der Stadt oft elektrisch

Warum Holzfeuer-Löyly anders ist:

Ich kann es nicht wissenschaftlich erklären – aber ich kann es fühlen. Der Dampf von einem holzbeheizten Ofen ist... weicher. Voller. Irgendwie runder. Es brennt nicht in der Nase wie manchmal bei Elektroöfen. Es umhüllt dich.

Ein finnischer Freund erklärte mir: "Die Steine im Holzofen werden gleichmäßiger und tiefer erhitzt. Die Wärme strahlt anders ab. Es ist nicht nur heiß – es ist die richtige Art von heiß."

Der See als Teil des Rituals

Und dann ist da noch der See. In Deutschland gehen wir nach der Sauna unter die kalte Dusche oder ins Tauchbecken. In Finnland? Ab in den See. Egal ob Sommer oder Winter.

Ich habe es im Mai gemacht. Wassertemperatur: ca. 8°C. Ich bin aus der heißen Sauna (gefühlt 90°C) direkt ins eiskalte Wasser gesprungen. Und ich schwöre dir: Es war der intensivste, klarste Moment meines Lebens. Jede Zelle meines Körpers war wach.

Danach wieder rein in die Sauna. Und wieder dieser unglaubliche Löyly. Die Hitze fühlte sich an wie eine Umarmung nach dem Kälteschock.

„Der finnische Löyly aus dem Holzofen ist nicht nur Dampf – es ist pure Lebensenergie."

Die Rauchsauna – das härteste Level

Die traditionellste Form ist die Rauchsauna ("Savusauna"). Hier gibt es keinen Schornstein. Der Rauch zieht durch den Raum, heizt Wände und Steine auf – und wird erst vor dem Saunagang rausgelassen.

Ich durfte eine ausprobieren. Der Geruch war... intensiv. Holzrauch, Ruß, irgendwie archaisch. Die Hitze war weich und doch durchdringend. Und der Löyly? Unglaublich. Keine moderne Sauna kommt da ran.

Klar, sowas kannst du in Deutschland nicht einfach bauen (Brandschutz, Nachbarn, usw.). Aber es hat mir gezeigt: Sauna ist mehr als ein Raum mit heißen Steinen. Sauna ist Kultur.

Wasser, Birke, fertig? Was Finnen von unseren Duft-Cocktails halten

Jetzt wird's für mich als Sencify-Gründer interessant. Denn in Finnland habe ich etwas gelernt, das meine ganze Sicht auf Saunaaufgüsse verändert hat: Finnen sind Puristen.

Der finnische Standard-Aufguss: Wasser. Punkt.

Kein Eukalyptus. Kein Lavendel. Keine "Fruchtsalat-Mischungen". Einfach nur reines Wasser auf die heißen Steine. Der Löyly entsteht aus der Hitze und dem Dampf – mehr braucht es nicht.

Ich war anfangs skeptisch. "Nur Wasser? Ist das nicht... langweilig?"

Aber dann habe ich es erlebt. Und verstanden.

🙋♂️ Mein finnischer Aufguss-Moment:

Wir saßen in der Sauna am See. Der Großvater nahm die Kelle, schöpfte frisches Wasser aus einem Holzeimer, und goss es langsam über die Steine. Der Dampf stieg auf – heiß, klar, intensiv. Kein Duft. Nur pure Hitze. Und es war... perfekt. Nichts lenkte ab. Es war Sauna in ihrer reinsten Form.

Die "Vihta" der einzige "Duft", den Finnen akzeptieren

Wenn Finnen überhaupt etwas hinzufügen, dann ist es die "Vihta" (oder "Vasta" in Ostfinnland) ein Bündel frischer Birkenzweige. Diese werden in Wasser eingeweicht, und das Birken-Sud wird dann auf die Steine gegossen.

Der Duft? Frisch, grün, erdig. Wie ein Spaziergang durch einen finnischen Birkenwald im Sommer. Es ist nicht "parfümiert" es ist natürlich. Und es passt perfekt zur finnischen Landschaft vor der Tür.

Manche Finnen schlagen sich auch sanft mit den Birkenzweigen ab – das regt die Durchblutung an und soll die Haut reinigen. Ich hab's probiert. Es kitzelt, es riecht fantastisch, und danach fühlt sich die Haut unglaublich weich an.

Was Finnen von deutschen "Duft-Cocktails" halten

Als ich einem finnischen Freund erzählte, dass wir in Deutschland gerne Eukalyptus, Minze, Zitrone, Lavendel und manchmal sogar Fruchtkompositionen ("Karibische Nacht", "Alpenkräuter-Mix") benutzen, schaute er mich an, als hätte ich ihm gerade erzählt, dass wir Pizza mit Ananas essen.

"Warum?", fragte er einfach.

Gute Frage. Warum eigentlich?

Meine ehrliche Antwort: Weil wir Deutschen den Duft als Teil der Entspannung schätzen. Weil Aromatherapie für uns mehr ist als nur "nice to have". Weil wir – gerade in der dunklen Jahreszeit – diese Düfte lieben, die uns an Sommer, Wald, Frische erinnern.

Aber ich verstehe jetzt auch den finnischen Purismus. Der reine Löyly ist genug. Wenn die Steine richtig heiß sind, wenn der Dampf gut ist, wenn die Umgebung stimmt – dann braucht es keinen zusätzlichen Duft.

🇫🇮 Finnische Duft-Tradition (die wenigen, die es gibt):
  • Birke (Vihta/Vasta): Der Klassiker – frisch, grün, natürlich
  • Teer (Terva): Ja, wirklich. Finnischer Kiefernteer riecht rauchig, harzig, archaisch. Wird manchmal auf die Steine gegossen.
  • Honig: Manche reiben sich mit Honig ein (wirkt hautpflegend) – der Duft vermischt sich mit dem Dampf
  • Bier: In manchen Saunas wird ein Schuss Bier auf die Steine gegossen (!) – riecht malzig und überraschend angenehm

Aber das Wichtigste: All diese "Düfte" sind erdig, natürlich, nie süßlich. Keine "Karibische Nacht". Nur Natur.

Der Kompromiss: Respekt vor dem Purismus, Liebe zur Aromatherapie

Nach meiner Finnland-Reise habe ich eine neue Perspektive gewonnen. Ich respektiere den finnischen Purismus zutiefst. Der reine Löyly ist kraftvoll und braucht nichts weiter.

Aber ich glaube auch: Düfte können das Sauna-Erlebnis bereichern – wenn sie richtig gemacht sind. Wenn sie naturrein sind. Wenn sie nicht aufdringlich sind. Wenn sie zur Stimmung passen.

Deshalb setzen wir bei Sencify auf erdige, natürliche Mischungen:

  • "Gesunde Brise": Eukalyptus, Pfefferminze, Thymian, Kamille, Tanne – erdig, krautig, waldig
  • "Durchatmen": Eukalyptus, Pfefferminze, Rosmarin – frisch, klar, intensiv

Keine Fruchtkompositionen. Keine süßlichen "Wellness-Düfte". Nur Natur – so wie die Finnen es schätzen würden. Mit einem kleinen deutschen Twist.

🌲 Mein Learning:

Wir Deutschen sollten die Sauna weniger als "To-Do" und mehr als "Quality Time" sehen. Wir sollten uns trauen, zu reden, zu lachen, Zeit zu verbringen – statt nach 12 Minuten gestresst rauszurennen.

Aber beim Duft bleibe ich Patriot: Ein bisschen naturreiner Duft (wie unsere Drops) macht das Erlebnis für mich perfekt. Es ist mein Kompromiss zwischen finnischer Tradition und deutscher Aromatherapie-Liebe.

„Die Finnen haben mir gezeigt: Sauna ist nicht Wellness. Sauna ist Leben. Und ein bisschen Duft darf trotzdem sein."

Was wir von Finnland mitnehmen können:

  • Mehr Zeit nehmen: Keine Sanduhr, kein Stress. Geh raus, wenn du rausgehen willst.
  • Reden ist okay: Sauna ist kein Schweige-Retreat. Teile Geschichten, lache, sei Mensch.
  • Holzofen probieren: Wenn du die Chance hast, erlebe einen echten Holzofen-Löyly. Es ist anders.
  • Purismus respektieren: Manchmal reicht reines Wasser. Probier's mal aus.
  • Mit der Familie saunieren: Sauna ist Generationen-verbindend. Keine "Erwachsenen-Zone".
  • Den See umarmen: Wenn du die Möglichkeit hast, spring nach der Sauna ins kalte Wasser. Es ist magisch.

Finnland hat mir die Seele der Sauna gezeigt. Und ich bin dankbar dafür. Kiitos, Suomi!

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