Sauna bei Erkältung: Turbo-Heilung oder gefährlicher Kreislauf-Kollaps?
Christian ReindlDie Frage „Sauna bei Erkältung – ja oder nein?" lässt sich nicht pauschal beantworten, weil es einen gewaltigen Unterschied macht, ob du nur einen leichten Schnupfen hast oder ob bereits Fieber im Spiel ist. Genau diese Unterscheidung kann im schlimmsten Fall über eine harmlose Erkältung oder eine lebensbedrohliche Herzmuskelentzündung entscheiden, und deshalb nehme ich dieses Thema sehr ernst.
Der Mythos vom „Ausschwitzen": Warum Viren nicht einfach verdampfen
Beginnen wir mit dem hartnäckigsten Irrtum überhaupt: dem Glauben, man könne Viren durch Hitze einfach „rausschwitzen". Dieser Mythos hält sich seit Generationen und wird immer wieder von Leuten verbreitet, die schwören, ihre Erkältung durch einen ordentlichen Saunagang besiegt zu haben. Die medizinische Realität sieht allerdings völlig anders aus.
Fakt ist: Die Viren, die für deine Erkältung verantwortlich sind, befinden sich in deinem Körper – in den Schleimhäuten, im Rachenraum, in den Atemwegen. Selbst wenn du in einer 90°C heißen finnischen Sauna sitzt, steigt deine Körperkerntemperatur nur minimal um etwa 1-2°C an. Das reicht bei weitem nicht aus, um Viren abzutöten, die problemlos Temperaturen von 37-39°C in deinem Körper überleben.
Stattdessen passiert etwas ganz anderes: Dein Körper kämpft bereits auf Hochtouren gegen die Eindringlinge. Dein Immunsystem mobilisiert weiße Blutkörperchen, produziert Antikörper und versucht, die Infektion einzudämmen – all das kostet enorm viel Energie. Wenn du jetzt auch noch in die Sauna gehst, forderst du von deinem Körper zusätzliche Höchstleistungen: Die Herzfrequenz steigt massiv an (oft um 30-50 Schläge pro Minute), der Kreislauf muss auf Hochtouren laufen, um die Hitze zu regulieren, und die Schweißproduktion entzieht dem Körper wertvolle Flüssigkeit und Elektrolyte.
Das Resultat ist nicht etwa eine beschleunigte Heilung, sondern eine gefährliche Doppelbelastung. Statt dass dein Immunsystem sich voll auf die Virenbekämpfung konzentrieren kann, muss es auch noch den Kreislaufstress bewältigen. Viele Menschen berichten dann von einem kurzfristigen Wohlgefühl direkt nach der Sauna (durch die Endorphinausschüttung), gefolgt von einem massiven Einbruch in den Tagen danach, weil die Erkältung sich verschlimmert hat oder sich eine Zweitinfektion eingeschlichen hat.
❓ Aber warum fühlen sich manche Leute nach der Sauna trotzdem besser?
Ganz einfach: Weil sie vermutlich gar nicht wirklich krank waren, sondern nur eine leichte Vorstufe hatten, die der Körper ohnehin alleine bewältigt hätte. Der Placebo-Effekt und die entspannende Wirkung der Wärme tun dann ihr Übriges. Das Problem ist, dass diese Menschen dann den gefährlichen Irrglauben verbreiten, Sauna würde Erkältungen heilen – und andere folgen diesem Rat dann in Situationen, wo es wirklich riskant wird.
Die Rote Linie: Wann Sauna absolut verboten ist (Fieber!)
Jetzt kommen wir zum wichtigsten Teil dieses Artikels, und ich kann es nicht deutlich genug sagen: Bei Fieber ist die Sauna absolut tabu – ohne Wenn und Aber. Die magische Grenze liegt bei etwa 37,5°C Körpertemperatur. Alles darüber ist erhöhte Temperatur oder Fieber, und dann gehörst du ins Bett, nicht auf die Saunabank.
Der Grund dafür ist nicht nur der allgemeine Kreislaufstress, sondern ein sehr konkretes und sehr gefährliches Risiko: die Myokarditis, also die Herzmuskelentzündung. Viele Erkältungsviren (vor allem bestimmte Enteroviren und Adenoviren) haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie nicht nur die Atemwege befallen, sondern unter Umständen auch den Herzmuskel angreifen können.
Normalerweise kann dein Immunsystem das verhindern, solange du ihm die nötige Ruhe gönnst. Wenn du aber deinen bereits geschwächten Körper zusätzlich mit extremer Hitze und Kreislaufbelastung konfrontierst, öffnest du den Viren buchstäblich Tür und Tor zum Herzen. Eine Herzmuskelentzündung ist keine Bagatelle – sie kann zu dauerhaften Herzschäden führen, chronischer Herzschwäche und im schlimmsten Fall sogar zum plötzlichen Herztod, besonders bei jungen, vermeintlich gesunden Menschen.
Weitere Warnzeichen, die eindeutig gegen einen Saunabesuch sprechen, sind:
Gliederschmerzen: Wenn deine Muskeln und Gelenke schmerzen, kämpft dein Körper gegen eine systemische Infektion – das ist keine Zeit für Wellness.
Starke Abgeschlagenheit: Wenn du dich kaum auf den Beinen halten kannst oder das Gefühl hast, der Körper will einfach nur schlafen, dann hör auf ihn.
Halsschmerzen mit Schluckbeschwerden: Eine richtige Halsentzündung ist mehr als nur ein Kratzen – wenn das Schlucken wehtut, ist dein Körper im Kampfmodus.
Produktiver Husten mit farbigem Auswurf: Gelber oder grünlicher Schleim deutet auf eine bakterielle Zweitinfektion hin, die ebenfalls Ruhe braucht.
❓ Wann darf ich denn wieder in die Sauna nach einer Erkältung?
Eine Frage, die mir sehr oft gestellt wird, und die Antwort lautet: Nicht sobald das Fieber weg ist, sondern erst wenn du dich wieder richtig fit fühlst. Viele Menschen machen den Fehler, zu früh wieder einzusteigen, nur weil das Thermometer wieder normale Werte zeigt. Aber dein Immunsystem braucht auch nach dem Abklingen der akuten Symptome noch Zeit, um sich vollständig zu erholen.
Meine persönliche Faustregel lautet: Wenn du das Gefühl hast, du könntest Bäume ausreißen, wenn du wieder Lust auf Sport hast und wenn du mindestens 2-3 Tage komplett symptomfrei warst, dann kannst du vorsichtig wieder anfangen – am besten mit einer milden Bio-Sauna statt direkt mit der 90°C-Schwitzhütte.

Ausnahme „Leichter Schnupfen": Wann sanftes Schwitzen helfen kann
Jetzt kommt die gute Nachricht: Es gibt tatsächlich Situationen, in denen Sauna bei leichtem Schnupfen helfen kann – aber nur unter sehr spezifischen Bedingungen. Das Szenario sieht folgendermaßen aus: Deine Nase läuft ein bisschen, vielleicht hast du ganz leichtes Halskratzen, aber du fühlst dich ansonsten fit und energiegeladen. Kein Fieber, keine Gliederschmerzen, keine Abgeschlagenheit. Du hast einfach nur eine beginnende Erkältung, die noch in den Startlöchern steht.
In diesem Stadium kann moderate Wärme tatsächlich unterstützend wirken, weil sie die Durchblutung der Schleimhäute fördert. Bessere Durchblutung bedeutet, dass mehr Abwehrzellen schneller an den Ort des Geschehens kommen können, und dass ist genau das, was dein Körper braucht, um die Viren in Schach zu halten, bevor sie sich richtig festsetzen.
Aber – und das ist entscheidend – wir reden hier nicht von der klassischen finnischen Sauna mit 90°C und niedrigen Luftfeuchtigkeit. Wenn überhaupt, dann solltest du bei leichtem Schnupfen nur in die Bio-Sauna (45-60°C) oder ins Dampfbad gehen, wo die Temperaturen moderater sind.
Die feuchtwarme Luft im Dampfbad hat zusätzlich den Vorteil, dass sie die Schleimhäute befeuchtet und dadurch das Abhusten von Schleim erleichtert. Trockene, gereizte Schleimhäute sind anfälliger für Infektionen, während gut befeuchtete Schleimhäute ihre Schutzfunktion besser erfüllen können.
Ganz wichtig bei einem Saunagang mit leichtem Schnupfen ist außerdem, dass du viel trinkst – noch mehr als sonst. Dein Körper verliert durch das Schwitzen Flüssigkeit, die er gleichzeitig dringend braucht, um Schleim zu produzieren und die Schleimhäute feucht zu halten. Kräutertees, warmes Wasser mit Zitrone oder isotonische Getränke sind ideal.
Und noch ein Tipp aus meiner persönlichen Erfahrung: Höre während des Saunagangs sehr genau auf deinen Körper. Wenn du merkst, dass dir schwindelig wird, dass das Atmen schwerer fällt oder dass du dich unwohl fühlst, dann brich sofort ab. Bei einer Erkältung ist der Körper empfindlicher, und was normalerweise problemlos funktioniert, kann plötzlich zu viel sein.
Aromatherapie für die Atemwege: Eukalyptus und Minze
Wenn wir schon beim Thema Sauna bei Halsschmerzen oder leichtem Schnupfen sind, darf ein Punkt nicht fehlen: die richtigen ätherischen Öle für die Atemwege. Hier wird der Unterschied zwischen billigen synthetischen Düften und echten ätherischen Ölen besonders deutlich, denn nur die natürlichen Wirkstoffe haben tatsächlich einen therapeutischen Effekt auf deine Bronchien und Nasenschleimhäute.
Eukalyptusöl ist der Klassiker schlechthin, wenn es um die Befreiung der Atemwege geht. Der Hauptwirkstoff Cineol (auch Eucalyptol genannt) wirkt nachweislich schleimlösend, entzündungshemmend und antibakteriell. Wenn du in einer Sauna sitzt und Eukalyptus-Duft einatmest, reagieren deine Atemwege tatsächlich darauf – die Durchblutung wird angeregt, festsitzender Schleim löst sich leichter und das Abhusten fällt dir anschließend deutlich einfacher.
Pfefferminzöl mit seinem Menthol-Anteil hat einen anderen, aber ebenso wertvollen Effekt: Es aktiviert die Kälterezeptoren in deinen Nasenschleimhäuten, was dir das subjektive Gefühl von freier Atmung vermittelt. Das ist keine Illusion, sondern ein echtes neurologisches Signal, das dein Gehirn beruhigt und dir hilft, entspannter zu atmen, selbst wenn die Nase noch etwas verstopft ist.
Wichtig ist allerdings die Dosierung: Gereizte Schleimhäute sind empfindlicher als gesunde, und wenn du zu viel Eukalyptus oder Minze verwendest, kann das Brennen und Tränen der Augen verursachen. Bei leichten Erkältungssymptomen solltest du die Konzentration eher niedriger halten als bei normalem, gesundem Saunieren – etwa bei 0,2% statt der üblichen 0,3%.
Weitere ätherische Öle für die Atemwege
Neben Eukalyptus und Minze gibt es noch weitere ätherische Öle, die bei Erkältungssymptomen unterstützend wirken können, allerdings immer nur bei leichtem Schnupfen ohne Fieber:
Latschenkiefer: Wirkt ähnlich wie Eukalyptus schleimlösend, hat aber einen weicheren, holzigeren Duft, den viele Menschen als angenehmer empfinden. Besonders in den Alpen ist Latschenkiefer traditionell das Mittel der Wahl bei Atemwegsbeschwerden.
Thymian: Enthält Thymol, das stark antibakteriell wirkt und besonders bei produktivem Husten helfen kann. Allerdings ist Thymian sehr intensiv und sollte nur sehr sparsam dosiert werden.
Fichtennadel: Ein weiterer Klassiker aus dem Alpenraum, der die Atemwege öffnet und gleichzeitig ein waldiges, beruhigendes Aroma verströmt.
Allen gemeinsam ist: Sie funktionieren nur, wenn es sich um echte, naturreine ätherische Öle handelt. Synthetische „Duftöle" mit Eukalyptus-Aroma mögen zwar ähnlich riechen, haben aber keinerlei therapeutische Wirkung auf deine Bronchien oder Schleimhäute.
Prävention statt Therapie: Wie regelmäßige Sauna dein Immunsystem stärkt
Der wichtigste Punkt zum Schluss: Der beste Zeitpunkt, um dein Immunsystem durch Sauna zu stärken, ist nicht wenn du bereits krank bist, sondern wenn du gesund bist. Regelmäßiges Saunieren – und damit meine ich wirklich regelmäßig, also mindestens ein- bis zweimal pro Woche über Monate und Jahre hinweg – trainiert deinen Körper auf vielfältige Weise.
Die wissenschaftliche Evidenz ist mittlerweile ziemlich eindeutig: Menschen, die regelmäßig saunieren, sind nachweislich seltener erkältet als Nicht-Saunagänger. Finnische Langzeitstudien haben gezeigt, dass regelmäßige Saunagänge die Häufigkeit von Atemwegsinfekten um bis zu 50% reduzieren können. Das ist eine beachtliche Zahl.
Aber wie funktioniert das? Der Mechanismus dahinter ist die sogenannte Abhärtung oder Thermoadaptation. Wenn du deinen Körper regelmäßig dem Wechsel zwischen Hitze und Kälte aussetzt (Sauna – kalte Dusche – Ruhe), trainierst du damit dein vegetatives Nervensystem und deine Blutgefäße. Die Gefäße lernen, sich schnell zu erweitern und zusammenzuziehen, was die Durchblutung optimiert.
Gleichzeitig steigt nachweislich die Anzahl der weißen Blutkörperchen im Blut – also genau der Zellen, die für die Immunabwehr zuständig sind. Dein Körper wird durch das regelmäßige Training quasi in einen ständigen „Bereitschaftszustand" versetzt, sodass er bei einem echten Angriff durch Viren schneller und effektiver reagieren kann.
Wichtig ist aber der Zeitpunkt: Du musst mit dem regelmäßigen Saunieren anfangen, wenn du gesund bist. Es bringt nichts, während einer Erkältungswelle plötzlich dreimal pro Woche in die Sauna zu rennen, in der Hoffnung, damit dein Immunsystem kurzfristig zu pushen. Im Gegenteil, das könnte sogar kontraproduktiv sein, weil du deinen Körper überforderst.
Stattdessen ist Sauna Immunsystem stärken ein langfristiges Projekt: Beginne im Sommer, wenn du fit bist, baue eine regelmäßige Routine auf und ziehe sie konsequent durch. Dann wirst du im Winter tatsächlich merken, dass du robuster bist, schneller wieder auf die Beine kommst und insgesamt weniger anfällig für die typischen Erkältungsviren.
Die richtige Sauna-Routine für maximale Immunstärkung
Aus meiner persönlichen Erfahrung und den Gesprächen mit Wellness-Profis im Bayerischen Wald kann ich dir folgende Routine empfehlen:
Frequenz: 1-2 Mal pro Woche, idealerweise immer am gleichen Wochentag, damit dein Körper einen Rhythmus entwickelt.
Dauer: 2-3 Saunagänge à 8-12 Minuten, nicht länger. Mehr hilft nicht mehr, sondern belastet nur.
Abkühlung: Immer kalte Dusche oder sogar Eisbad danach – der Temperaturschock ist das eigentliche Training für dein Immunsystem.
Ruhe: Mindestens 15-20 Minuten Ruhephase zwischen den Gängen. Dein Körper braucht Zeit, um zu regenerieren.
Kontinuität: Besser einmal pro Woche über ein Jahr als dreimal pro Woche für einen Monat. Dein Immunsystem braucht Zeit, um sich anzupassen.
Fazit: Hör auf deinen Körper – er lügt dich nicht an
Die Frage „Sauna bei Erkältung – ja oder nein?" lässt sich also nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten, sondern erfordert eine ehrliche Selbsteinschätzung. Wenn du Fieber hast, Gliederschmerzen spürst oder dich richtig krank fühlst, dann ist die Antwort ein klares und absolutes Nein. Die Gefahr einer Herzmuskelentzündung oder eines Kreislaufkollapses ist real und nicht zu unterschätzen.
Wenn du aber nur einen ganz leichten Schnupfen hast, dich ansonsten fit fühlst und Lust auf einen sanften Saunagang in der Bio-Sauna oder im Dampfbad hast, dann kann das durchaus unterstützend wirken – vorausgesetzt, du bleibst achtsam, dosierst moderat und brichst sofort ab, wenn du dich unwohl fühlst.
Die beste Strategie bleibt aber Prävention statt Therapie: Baue eine regelmäßige Sauna-Routine auf, wenn du gesund bist, nutze hochwertige ätherische Öle für die Atemwege und trainiere damit dein Immunsystem für die kalte Jahreszeit. Dann wirst du merken, dass du seltener krank wirst und schneller wieder auf die Beine kommst, wenn es dich doch einmal erwischt.
Und denk immer daran: Wenn du dich in die Sauna schleppen musst, wenn dein Körper nach Ruhe schreit, dann ist das das deutlichste Signal überhaupt – heute nicht. Dein Körper lügt dich nicht an, also hör auf ihn.
